Das Flugblatt im pdf-Format und etwas gelayoutet findet ihr unter Material: Schulstreik
Wir fordern nichts, denn uns geht es ums Ganze!
Na, verwundert Euch diese Überschrift? „Werden bei dieser Demonstration – hier und
heute – nicht konkrete Forderungen gestellt?“, fragt Ihr Euch jetzt. Ganz genau, damit habt
Ihr vollkommen recht, es ist ja auch nicht zu übersehen: Überall sind Transparente und
Menschen zu sehen, die ihre Absicht lautstark verkünden.
Unsere Kritik ist allerdings eine ganz andere und anhand dieses Flyers wollen wir
zumindest versuchen Euch zu erklären, warum dieser Bildungsstreik nicht im Interesse der
Schüler_innen – also in unserem gemeinsamen Interesse – liegt und somit aus unserer
Sicht falsch ist.
Um zu verstehen, dass nur eine Kritik des Ganzen auf lange Sicht Aussicht auf Erfolg
haben kann, müssen wir uns zuerst den Sinn und Zweck der Schule und deren Aufgaben
in unserer bestehenden Gesellschaftsform verdeutlichen.
Die Funktion der Schule kann hauptsächlich in zwei Bereiche unterteilt werden. Auf der
einen Seite haben wir die ökonomische und auf der anderen Seite die ideologische
Funktion.
Ökonomisch deshalb, weil es für die Nationalökonomie und die (erweiterte)
Reproduktion der gesellschaftlichen Verhältnisse unbedingt notwenig ist, dass es
auch in Zukunft genug (hinreichend gebildete) Menschen gibt, die Tag für Tag ihrer Arbeit
nachgehen.
„Eine Hauptaufgabe des staatlichen Bildungsbetriebs im Kapitalismus ist die Ausbildung
von »Menschenrohmaterial« zu fähigen Arbeitskräften“1, also die Menschen
dahingehend auszubilden, wie es die nationalstaatlich-kapitalistischen Verhältnisse
erfordern.
Bildungspolitik ist auch immer zugleich Standortpolitik. Wenn in einer Nationalökonomie
im Besonderen technisches Wissen gefragt ist, dann hat dies auch Auswirkungen auf die
Bildung. Andersrum: Wenn sich eine nationale Wirtschaft gerade dadurch “auszeichnet“
viel und günstig zu produzieren, dann werden eben mehr Menschen benötigt, die bereit
sind hauptsächlich körperliche Arbeiten zu verrichten.
Der Staat als »ideeller Gesamtkapitalist« (Engels), der als solcher die Aufgabe hat, die
Vorraussetzungen und Rahmenbedingungen kapitalistischer Akkumulation zu garantieren
und zu erweitern, trägt eben neben seinem Wirken als Ordnungsinstanz in der „in tausend
Interessenstandpunkte(n) zerrissene(n) Gesellschaft der Privateigentümer“2 auch die
Verantwortung für infrastrukturelle Vorraussetzungen. Hierzu gehören neben
beispielsweise dem Verkehrswegebau auch – wer hätte es gedacht – öffentliche
Bildungseinrichtungen wie Schule oder Universität. „Mit zunehmender Differenzierung der
kapitalistischen Nationalökonomie entstand auch ein gesamtwirtschaftliches Interesse
[…] an einer hinreichend gebildeten Bevölkerung.“3
Der Gegenstandpunkt fasst das “Recht auf Ausbildung“ wie folgt zusammen:
»Da der Staat seine Bürger darauf festlegt, sich durch die Spezialisierung auf einen bestimmten
Beruf, durch die Nützlichkeit innerhalb eines festen Systems gesellschaftlicher Arbeit zu
reproduzieren, und diese Festlegung durch die Konkurrenz innerhalb des Ausbildungswesens
organisiert – der Ausleseprozeß ist ein negativer: geringe Leistung schließt von weiterer Bildung
aus –, zwingt er alle zum Erwerb von und Interesse an Wissen in dem Maße, wie es für das
Bestehen der Ausbildung und für die Ausübung ihres Berufs erforderlich ist, und alles drüber
Hinausgehende wird vom Standpunkt der Ausbildung wie der Auszubildenden überflüssig. So
ist die bürgerliche Gesellschaft auf das Vorhandensein von Wissen angewiesen und an Wissen
zugleich desinteressiert, weil es nur auf seine Nützlichkeit für die arbeitsteiligen Funktionen der
Privatsubjekte ankommt.«4
Nun kommen wir zu der ideologischen Funktion von Schule.
An dieser Stelle übernehmen wir eine ganze Textpassage5 aus der antinationalen Zeitung
Straßen aus Zucker zur ideologischen Bedeutung von Schule, da wir finden, dass sie es
wirklich sehr anschaulich und verständlich auf den Punkt bringen:
„Neben einer derartigen ökonomischen Funktion kommt Schule in der bürgerlichen
Gesellschaft auch eine ideologische zu. Warum wird in Geschichte zum Beispiel immer
nur die deutsche bzw. als „deutsch“ konstruierte, sprich die Geschichte der Gebiete der
heutigen BRD behandelt? Wenn`s hoch kommt, ist auch mal die französische oder die
englische Revolution Thema; durch diese hauptsächlich auf Deutschland gerichtete
Fokussierung des staatlichen Geschichtsunterricht wird uns Schüler_innen vermittelt, dass
die vor 2000 Jahren lebenden Germanen in irgendeiner Hinsicht mehr „zu uns gehören“
als zum Beispiel die Mongolen oder die alten Chinesen. Somit soll auch in Hinblick auf
aktuelle Debatten die konstruierte deutsche Nation gerechtfertigt und
pseudowissenschaftlich erklärt werden.“
…weiter im Text…
„[…] Alle vier Semester der Oberstufe bauen nämlich auf dem staatsbürgerlichen
Irrglauben auf, der Staat wäre als Ausdruck des „Allgemeinwillens“ der Bevölkerung in der
Lage, eine Gesellschaft wesentlich alleine zu gestalten.“
Wie Ihr seht, gibt es konkrete Zusammenhänge zwischen unserem Schulalltag und
dem Fortbestehen des kapitalistischen Nationalstaats!
Deshalb ist es nicht zu Ende gedacht, wenn nur die Form, wie sich Schule
gegenwärtig ausdrückt (mehrgliedriges Schulsystem, große Schulklassen), kritisiert
wird.
Wenn wir also wirklich an einer herrschaftslosen und klassenlosen
Gesellschaftsordnung interessiert sind, müssen wir eine radikale Kritik an dem
Ganzen üben, um letztendlich die Grundlagen des bürgerlichen Staats, nämlich
Volk, Nation und Kapital zu überwinden.
Das Ziel ist also „eine Gesellschaft, zu der »jeder nach seinen Fähigkeiten« beiträgt,
und »jedem nach seinen Bedürfnissen« geschieht (Marx).“6
Liebe Grüße,
antinationale, antikapitalistische Schüler_innen aus Lemgo!
1
Straßen aus Zucker #1, Seite 6; strassenauszucker.blogsport.de/
2
Zur Kritik des kapitalistischen Normalvollzugs: Staat, Weltmarkt und die […], Seite 46 ; Ums Ganze Bündnis
3
vgl. ebenda
4
Der bürgerliche Staat, §5, Gegenstandpunkt (1999), http://www.gegenstandpunkt.com/
5
Straßen aus Zucker #1, Seite 6, „Nie wieder (Schul-)Klassen!“
6
6 Zur Kritik des kapitalistischen Normalvollzugs: Kommunismus! Seite 101; Ums Ganze Bündnis

